„Ich bin ein Finanzgenie, mei‘ Strategie hat ‘klappt, Krise was für Krise? Ich hab vorher schon nichts ghabt.“ Der bayerische Kabarettist Georg Ringsgwandl macht sich lustig über das allgegenwärtige Krisengerede. Mit gefüllten Sälen bei seiner Tournee hat der Mann leicht lachen. Wer hingegen von Kurzarbeit, Lohneinbußen oder gar Arbeitslosigkeit betroffen ist, dem bleibt das Lachen im Hals stecken. Trotzdem: Ringsgwandl legt den Finger auf einen tatsächlich wunden Punkt.

Bis zu fünfzig Billionen Dollar an Vermögenswerten soll diversen Berechnungen zufolge die Finanzkrise vernichtet haben. Wem haben die vorher gehört? Nicht den Armen, auch nicht den Armen in den reichen Ländern. Die Zahl der Hungernden hat nicht zuletzt durch die Finanzkrise die Milliardengrenze erreicht. Die Welt stehe vor einem „Hungerjahrhundert“, warnen Experten. - Und vorher, als es nur achthundert oder achthundertfünfzig Millionen Hungernde gab: War das keine Krise? War da die Welt in Ordnung? Krise, was für Krise? Allzu viele hatten schon vorher nichts.

Dem Entsetzen entkommt man leicht. Denn nicht „die Welt“ steht vor einem Hungerjahrhundert; nur den Hungernden droht es. Sieht man nicht hin, so fällt es leicht zu denken, die Krise wäre vorüber, wenn die Konjunktur wieder anspringt. In den nach oben weisenden Wachstumskurven, Gewinnmargen und Aktienindizes sind keine Gesichter zu sehen. Aber Armut und Hunger sind mit kalten Statistiken nicht erledigt. Um konkrete Menschen geht es, um konkrete Schicksale, konkrete Verantwortung, konkrete Hilfe. Und um den Mut, neu zu denken. Die Ungerechtigkeit nicht hinzunehmen, als wäre sie naturgegeben. Eine Politik zu wagen, für die das Überleben der Anderen so wichtig ist wie das eigene. Einer Weltwirtschaft, die nicht alle leben lässt, zu misstrauen. Krise, welche Krise? Wir brauchen eine neue Welt.
-cr-

Schluss_Strich vom MIVA-Brief 2009 / 1MB